
Manche Dinge im Leben versteht man erst viele Jahre später.

Nicht in dem Moment, in dem sie passieren. Nicht während man mitten drinsteht, schwitzt, arbeitet, improvisiert, lacht, Hände wäscht, etwas isst und abends müde irgendwo sitzt. Sondern erst später, wenn sich das Leben verändert hat. Wenn man zurückblickt und merkt: Da war etwas. Ein kleiner Anfang. Ein Same, der damals noch gar nicht als Same zu erkennen war.
So geht es mir mit meiner Zeit in Brasilien.

Bevor es mich in die Region um Foz do Iguaçu verschlug, begann alles in São Paulo.
Schon die erste Fahrt vom Flughafen in diese riesige Stadt war ein eigener kleiner Kulturschock. Alles war laut, groß, fremd und gleichzeitig unglaublich lebendig. Die Straßen, die Menschen, der Verkehr, die Hochhäuser, die Hitze, die Gerüche – ich saß da und merkte, dass ich wirklich angekommen war. Nicht einfach in einem Urlaub, sondern in einem anderen Leben auf Zeit.

In São Paulo arbeitete ich bei einem internationalen Tanztheater Projekt mit deutschen und brasilianischen Tänzern in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Sao Paulo.

Auch das war für mich eine völlig neue Welt. Ich war dort nicht auf der Bühne, sondern eher hinter den Kulissen: Bühnenbild bauen, Material organisieren, vor Ort mit aufbauen, wieder abbauen, Abrechnungen machen, Belege sammeln und schauen, dass am Ende alles irgendwie zusammenpasst.

Im Grunde war es genau diese Mischung, die gut zu mir passte. Handwerk, Organisation, Verantwortung und Improvisation. Mal mit Werkzeug in der Hand, mal mit Papierkram vor mir. Mal mitten im Aufbau, mal irgendwo zwischen Belegen, Rechnungen und der Frage, wie man das Ganze praktisch gelöst bekommt.


Hier will ich diesen Teil nur kurz anreißen, weil die eigentliche Geschichte später in der Region um Foz do Iguaçu weitergeht. Aber São Paulo war die Brücke dorthin. Dort lebte und arbeitete ich, dort legte ich mir wieder etwas Geld zur Seite, und von dort aus nahm ich mir irgendwann wieder einen Monat Zeit, um weiterzureisen.

Ich wollte raus aus der Stadt. Ich wollte mehr sehen von diesem riesigen Land. Ich wollte Abenteuer erleben.
Als ich dann aus São Paulo herausfuhr, veränderte sich die Welt vor dem Fenster Stück für Stück.
Zuerst kamen wir an einer riesigen Mauer entlang. Dahinter lag eine Favela. Ich war vorher schon in Favelas gewesen, aber noch nie war ich so lange an einer vorbeigefahren.

Erst dort habe ich wirklich begriffen, wie groß diese Gebiete sind. Nicht ein paar Hütten, nicht ein kleines Viertel, sondern ganze eigenständige Welten am Rand der Stadt.

Ich stand später auf einer Anhöhe und konnte über diese Mauer hinwegsehen. Oben war sie mit Glasscherben und einem Stacheldraht gesichert, der auf mich fast wie NATO-Draht wirkte. Scharf, kalt, abweisend. Es sah für mich nicht nur nach Schutz aus. Es fühlte sich an wie eine Grenze zwischen zwei Wirklichkeiten. (Assoziation der Berliner Mauer, kam in mir hoch) Drinnen und draußen – Arm und reich. Sichtbar und doch weggesperrt, ausgeklammert.

Dieses Bild hat sich bei mir eingebrannt.
Danach ging es weiter. Immer weiter raus aus der Stadt. Die Häuser wurden weniger, die Straßen anders, das Grün dichter.

Irgendwann fuhr ich immer mehr hinein in eine Landschaft, die für mich nach Urwald aussah. Alles wurde feuchter, voller, lebendiger. Das ging so stundenlang mit kleinen Pinkelpausen🙌😂

Und dann war auf einmal nichts mehr da.
Ich sah meinen ersten großen Kahlschlag.

Nicht als Bild in einer Dokumentation. Nicht als Satz in einem Bericht. Sondern direkt vor mir. In echt. Extrem Riesig, offen, wund. Es war schwer zu beschreiben, aber ich habe dort etwas gespürt, das ich bis heute nicht vergessen habe. Es fühlte sich falsch an. Als hätte jemand etwas Lebendiges herausgerissen.
Die Fläche war zu groß, zu nackt, zu still. Zu gigantisch, um sie mit einem Blick zu erfassen. Die Luft war anders als im Wald. Nicht kühl, nicht feucht, nicht lebendig. Sie fühlte sich leer an, staubig – die akustische Fülle des Urwalds war verschwunden…
Für mich lag dort nicht einfach nur gerodetes Land.
Es lag Tod in der Luft.
Ich war viel zu lange dort.
Der nächste Bus kam irgendwann und ich war froh, dass dieses Bild endlich wieder von mir abfiel – aber das Gefühl blieb.

Und irgendwo auf dieser Reise kam ich schließlich in die Region um Foz do Iguaçu, nahe der großen Iguaçu-Wasserfälle.

Manchmal ist es schon verrückt, wenn ich heute darauf zurückschaue.
Ich hatte meinen Jugendlichen 24 Jahren gerade zwei Ausbildungen und den Zivildienst hinter mir, hatte viele Monate bei Ford in Köln-Niehl gearbeitet und dort einen guten Batzen Geld verdient. Mit diesem Polster war ich dann nach Brasilien gegangen, hatte in São Paulo mit einer internationalen Tanztheater Gruppe gearbeitet, gelebt, gelernt und mir immer wieder kleine Zeitfenster freigeschaufelt, um dieses riesige Land zu entdecken. Mein Geldpolster war hier mehr als dreimal so viel Werte und trotzdem wollte ich so wenig wie möglich ausgeben, weil ich auch noch gar nicht genau wusste, wie lange das Ganze geht.
Ich war also nicht als Fachmann für Permakultur unterwegs. Nicht als Kursteilnehmer. In keiner Reisegruppe. Und schon gar nicht mit einem fertigen Lebenskonzept im Rucksack. Ich hatte gutes Englisch dabei, ein bisschen Mut, einen vierwöchigen Portugiesisch-Crashkurs im Kopf und genug Neugier, um mich auf Dinge einzulassen, die nicht geplant waren.
Heute wäre so etwas für mich viel, viel schwieriger😅

Damals war ich naiver als heute – War noch kein Vater, hatte keine Verantwortung zu tragen. Ich bin losgezogen, weil ich neugierig war, weil ich Abenteuer erleben wollte und weil ich mir über vieles noch keine großen Gedanken gemacht habe. Heute denke ich viel mehr nach. Wahrscheinlich manchmal zu viel😂
Ich sehe Risiken schneller, rechne Dinge durch, frage mich, was passieren könnte, und weiß heute auch ziemlich genau, in welche Situationen ich mich damals teilweise begeben habe.
Aber vielleicht war genau das der Punkt.
Gerade weil ich nicht alles vorher durchdacht habe, konnte daraus ein Abenteuer werden. Ich war offen genug, um in Dinge hineinzurutschen, die man nicht planen kann. Ich hatte keine perfekte Sicherheit, keine genaue Vorstellung und keinen fertigen Weg.
Und irgendwo auf diesem Weg landete ich dann an diesem Ort, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

Es war ein einfaches, ländliches Hof-Projekt – die Sítio Jacarandá, in der Pionierphase, also ganz am Anfang. Die richtigen Leute hatten sich bereits gefunden und fingen an, Grundsteine zu setzen;)
Sítio Jacarandá Permacultura e Agroecologia, heißt es heute und sieht 2026 so aus:


Damals wusste ich noch nicht, welche Bedeutung dieser Ort einmal für mich bekommen würde.
Für mich war es zunächst einfach ein Platz, an dem ich gelandet war. Ein Hof, Menschen, Arbeit, Hitze, Pflanzen, Maschinen und dieses Gefühl, irgendwie hineingeraten zu sein in etwas, das größer war als nur ein kurzer Reiseabschnitt.
Geblieben ist nicht nur der Name dieses Ortes. Geblieben ist ein Gefühl. Eine Erfahrung. Ein Bild davon, wie Landwirtschaft auch sein kann.
Ich bin dort nicht über Bücher, Vorträge oder Konzepte in die Permakultur hineingekommen. Ich bin über echte Arbeit hineingekommen.
Und vielleicht war genau das wichtig.
Denn mein erster Zugang war nicht Theorie, sondern Anpacken. Ich kam nicht als jemand, der erklären wollte, wie etwas funktioniert. Ich kam als jemand, der helfen konnte. Durch meinen Hintergrund als LKW-Mechaniker konnte ich bei Reparaturen an verschiedenen landwirtschaftlichen Maschinen mit anpacken. Ich verstand etwas von Werkzeug, von Metall, von Motoren, von Schrauben, von kaputten Dingen, die wieder laufen sollten. (…ich habe an solchen Maschinen vorher nie geschraubt. Trotzdem waren sie mir sehr schlüssig;)

Das war mein Eintritt.
Nicht ein Zertifikat.
Nicht ein großes Gespräch.
Nicht ein Plan.
Sondern eine fachmännische Reparatur.
Da stand etwas, das gebraucht wurde. Und ich konnte etwas beitragen.
Genau dadurch veränderte sich mein Platz an diesem Ort. Ich war nicht nur der Reisende, der zuschaut. Ich war nicht nur der Fremde mit schlechtem Portugiesisch. Ich war einer, der mit den Händen etwas tun konnte. Einer, der nützlich war. Einer, der Teil einer kleinen Aufgabe wurde.

Und aus einer Aufgabe wurde Kontakt.
Aus Kontakt wurde Vertrauen.
Aus Vertrauen wurde Gemeinschaft.
Vielleicht war ich nur knapp vier Wochen dort. Es war keine lange Zeit. Aber manche Erfahrungen brauchen keine Jahre, um etwas in einem Menschen zu verschieben. Manchmal reicht ein kurzer Abschnitt, wenn er an der richtigen Stelle trifft.
Ich erinnere mich an Hitze – die ewige dicke Luft. An tropische Pflanzen. Die Geräusche des Waldes – am Tag und in der Nacht. Die fremden Gerüche. An einfache Strukturen. An Menschen, die mit dem arbeiteten, was da war. An improvisierte Lösungen. An gemeinsames Essen. An dunkle Erde, Maschinen, Werkzeuge und Gespräche, bei denen nicht jedes Wort perfekt verstanden werden musste.
Manchmal verstand man sich über Gesten. Über Arbeit. Über ein Lachen. Über den gemeinsamen Blick auf ein Problem, das gelöst werden musste.

Und genau dort begann für mich etwas, das ich damals noch nicht Permakultur genannt hätte.
Heute würde ich sagen: Ich habe dort zum ersten Mal bewusst erlebt, dass Landwirtschaft nicht nur Produktion ist.
Landwirtschaft ist Leben.
Boden.
Wasser.
Pflanzen.
Werkzeug.
Menschen.
Tiere.
Wissen.
Improvisation.
Verantwortung.
Geduld.
Gemeinschaft.

Und vor allem ist sie Beziehung.
Beziehung zu dem Ort, an dem man steht. Beziehung zu den Menschen, mit denen man arbeitet. Beziehung zu den Dingen, die kaputtgehen und wieder repariert werden wollen. Beziehung zu den Pflanzen, die nicht nach unserem Kalender wachsen, sondern nach ihrem eigenen Rhythmus. Beziehung zu Ressourcen, die nicht endlos da sind.
Das war für mich neu.

Ich kannte damals schon harte Arbeit. Ich kannte Werkstätten, Maschinen, Abläufe, Zeitdruck und Verantwortung. Ich hatte meine Ausbildungen hinter mir, den Zivildienst beim ASB geschafft und bei Ford in Köln-Niehl erlebt, was es heißt, in einem Drei Schichtsystem zuverlässig zu funktionieren, mit anzupacken und seinen Platz in einem größeren Ablauf zu haben.
Aber Landwirtschaft kannte ich in diesem Sinne noch nicht.
Nicht als lebendiges Zusammenspiel aus Boden, Wasser, Pflanzen, Menschen, Werkzeug, Wetter und Improvisation. Nicht als etwas, das jeden Tag neu beobachtet und verstanden werden will. Genau das kam dort in Brasilien dazu. Etwas anderes. Etwas Weicheres vielleicht, aber nicht weniger Kraftvolles.
Der Gedanke, dass man ein System beobachten muss, bevor man es verändert.
Dass man nicht immer mehr von außen hineinbringen muss, sondern zuerst schauen sollte, was schon da ist.
Dass eine kaputte Maschine, ein Stück Draht, ein altes Werkzeug, ein Restholz, eine Pflanze am falschen Ort oder ein Mensch mit irgendeiner Fähigkeit Teil einer Lösung sein kann.
Permakultur war für mich anfangs also kein hübsches Gartenbild. Kein Mandalabeet. Kein Modewort. Kein Traum von einem perfekten Zuause.
Es war viel einfacher.
Es war die Erfahrung: Man schaut hin. Man versteht Zusammenhänge. Man nutzt, was vorhanden ist. Man verbindet Dinge miteinander. Und man übernimmt Verantwortung für den Ort, an dem man gerade steht.
Dieser Gedanke hat mich nie wieder ganz losgelassen.

Später, als mein Leben andere Wege ging, als ich mich mit Selbstversorgung, Garten, Blog, Dorfentwicklung und Gemeinschaft beschäftigte, merkte ich immer wieder: Vieles davon war dort schon angelegt. Nicht fertig. Nicht formuliert. Nicht als Konzept.
Aber als Keim.
In Brasilien habe ich erlebt, dass Gemeinschaft nicht dadurch entsteht, dass jemand vorher eine perfekte Struktur baut. Gemeinschaft entsteht oft viel einfacher. Jemand sieht, dass etwas gebraucht wird. Jemand bringt seine Fähigkeit ein. Jemand hilft. Und plötzlich ist man nicht mehr Zuschauer, sondern Teil des Ganzen.
Das ist ein Gedanke, der mich bis heute begleitet.
Auch bei Lebendium.
Denn im Grunde geht es mir dort um genau diese Verbindung. Um Selbstversorgung, aber nicht als Rückzug aus der Welt. Um Garten, aber nicht nur als Beetfläche. Um Handwerk, aber nicht nur als Technik. Um Gemeinschaft, aber nicht als romantische Idee, sondern als etwas, das im Tun entsteht.
Ein Dorf wird nicht lebendig, weil alle lange darüber reden, wie schön Gemeinschaft wäre.
Ein Garten wird nicht fruchtbar, weil man perfekte Pläne zeichnet.
Ein Projekt wird nicht wahr, weil man wartet, bis alle Bedingungen stimmen.
Irgendwann muss jemand anfangen.
Hinschauen.
Anpacken.
Verbinden.
Lernen.
Vielleicht war genau das die wichtigste Lektion aus Brasilien.
Nicht warten, bis alles perfekt ist.
Nicht nur reden.
Nicht darauf hoffen, dass irgendjemand anders beginnt.

Sondern die Hände benutzen. Die Augen offen halten. Das eigene Können nicht kleinreden. Und dort helfen, wo gerade etwas gebraucht wird.
Ich glaube, viele Menschen unterschätzen, wie stark solche einfachen Momente sein können. Man muss nicht immer mit großen Ideen anfangen. Manchmal beginnt alles mit einer Schraube, die gelöst werden muss. Mit einer Maschine, die nicht anspringt. Mit einem fremden Ort, an dem man trotzdem nützlich sein kann.
Damals in der Nähe von Foz do Iguaçu habe ich nicht beschlossen, irgendwann über Permakultur zu schreiben. Ich habe nicht beschlossen, einen Blog aufzubauen. Ich habe nicht beschlossen, mich mit Selbstversorgung, Dorfleben oder Gemeinschaftsprojekten zu beschäftigen.
Ich war einfach da.
Und ich habe geholfen.
Heute sehe ich darin einen roten Faden.
Denn vielleicht ist das einer der ehrlichsten Wege, Teil von etwas zu werden: nicht durch große Worte, sondern durch Bereitschaft. Durch die Bereitschaft, sich einzubringen. Durch die Bereitschaft, zu lernen. Durch die Bereitschaft, auch mit unvollständiger Sprache, fremder Umgebung und schmutzigen Händen einen Platz zu finden.
Brasilien hat mir damals nicht alles erklärt.
Aber es hat mir etwas gezeigt.
Dass Landwirtschaft lebendig sein kann.
Dass Gemeinschaft durch Tun entsteht.
Dass Reparieren manchmal mehr ist als Technik.
Dass ein Hof ein Lernort sein kann.
Dass Menschen sich auch ohne perfekte Worte verstehen können.
Und dass in einem kurzen Aufenthalt ein Gedanke wachsen kann, der Jahrzehnte später noch weiterwirkt.
Vielleicht ist genau das Permakultur im tiefsten Sinn.
Nicht nur ein System für Gärten und Höfe.
Sondern eine Haltung zum Leben.
Beobachten.
Verstehen.
Reparieren.
Verbinden.
Mit dem arbeiten, was da ist.
Und aus einfachen Momenten etwas Lebendiges entstehen lassen.
